21.11.2007

"Mani heute"

Am 6. Dezember erscheint in Deutschland von Roland van Vliet das Buch „Der Manichäismus. Geschichte und Zukunft einer frühchristlichen Kirche“. Ich bin gefragt worden anlässlich des Erscheinens einen Vortrag zu halten. Als Titel für meinen Vortrag habe ich „Mani heute“ gewählt.

Ich habe diesen Titel gewählt, weil das Anliegen von Roland van Vliet darin besteht, den Manichäismus zu aktualisieren. Roland möchte alles andere, als den Eindruck erwecken, dass der Manichäismus als historisches Ereignis vorbei wäre. Auch wenn Roland sich in seinem Buch ausführlich mit der Vergangenheit beschäftigt, macht er das nur, um gedanklich und intentional ein Licht auf die spirituellen Brennpunkte der heutigen Zeit zu werfen. Als ich sein Buch las, musste ich ständig an diese Sätze von Michel Foucault denken: „Was geschieht heute? Was geschieht jetzt? Und was ist dieses `Jetzt´, innerhalb dessen wir die einen und die anderen sind ...?“

Was ist dieses `Jetzt´? Hat das `Jetzt` einen Inhalt? Wenn man versucht, sich dem Begriff ´Jetzt` tastend anzunähern, taucht sofort ein zweiter Begriff auf, nämlich `Ereignis´. Der Inhalt des `Jetzt´ ist immer ein Ereignis. Wenn man im Nu lebt, erlebt man ein Ereignis, man wird zum Ereignis. Das Ereignis kann alles sein: z. B. ein Gedanke, eine Erinnerung, aber auch ein wunderbares Tor von Podolski, ein Lied von Sting, ein Kuss, ein Unfall, die Stille, ausgesprochene Worte und unausgesprochene Worte, ein Espresso... Im `Jetzt´ - Martin Heidegger würde sagen: im Sein – gibt es nur Ereignisse.

Was ist ein Ereignis? Es gibt große Ereignisse, kleinere Ereignisse und winzig kleine Ereignisse. Ein winzig kleines Ereignis gab es letzte Woche noch in meinem Garten, als ich sah, wie ein Birkenblatt leise nach unten wirbelte und sich auf die Wiese zur Ruhe hinlegte. Ich war betroffen von der Leichtigkeit, der Ruhe und dem sich ohne weiteres Fallenlassen wollen – und das Geschehen vollzog sich nicht nur außerhalb von mir, sondern auch in mir. Tausende von Birkenblätter lagen schon auf der Wiese – niemand hat aber gesehen, wie diese heruntergefallen sind. Weil ich sah, wie gerade dieses Birkenblatt nach unten wirbelte, wurde es ein Ereignis. Ein Ereignis wird erst dann ein Ereignis, wenn es als Ereignis wahrgenommen, miterlebt und nachvollzogen wird.

Ein Ereignis scheint mir eine Schöpfungstat zu sein. Nicht nur Blätter sind daran beteiligt, sondern auch aufmerksame Bewusstseine. Ohne Aufmerksamkeit keine Ereignisse. Rudolf Steiners Beitrag an das Christentum scheint mir vor allem zu sein, dass er das Christentum – besser gesagt: den Tod und die Auferstehung von Christus, damals als historisches Geschehen in Palästina – als Ereignis verstanden hat. Nicht die Lehre von Christus stand für Steiner zentral, sondern die Tatsache, dass etwas geschehen war. Er spricht dann auch vom Christentum als „mystische Tatsache“. Das Geschehen auf Golgatha nennt er ein „Mysterium“ – was auch ein Ereignis ist. Und er behauptet kühn, dass diese Tatsache für alle Menschen einen zentralen Wert hat.

Mit dieser Stellungnahme ist ein Problem verbunden. Ereignisse treten immer in Raum und Zeit auf, das heißt, Ereignisse haben eine geschichtliche Einbettung. Die Art und Weise wie wir von einem Ereignis sprechen, wird durch Raum und Zeit bestimmt. Wir wissen mittlerweile, dass das Christentum als historischer Strom in Europa vom jüdisch-hellenistischen Denken und Erleben geprägt ist. Anders gesagt: Die mystische Tatsache, das Ereignis, wurde auf eine ganz bestimmte Art und Weise, vor allem über den Apostel Paulus, weitergetragen. Andere Perspektiven sind historisch gesprochen in den Hintergrund geraten.

Um zu verstehen, worum es sich handelt, brauchen wir an dieser Stelle Michel Foucault. Er hat einfach festgestellt, dass Menschen auf Ereignisse reagieren. Warum? Weil, reagieren auf Ereignisse heißt, dass man Ereignisse schöpft. Foucault würde sagen: Auf Ereignisse reagieren, heißt schöpferisch leben. Michel Foucault hat verstanden, dass es ohne Bewusststein keine Ereignisse gibt. Dann hat er einfach festgestellt, dass Menschen nicht auf die gleiche Art und Weise auf Ereignisse reagieren. In individuellen Menschen, in Gruppen von Menschen, in Kulturen und Epochen herrschen, was er „Episteme“ nennt, dass heißt in meinen Worten: unterschwellige Vorstellungen, Normen und Werte, ja, vor allem Intentionen, die insgesamt selbstverständlich als „Erkenntnis-Systeme“, als „Wahrheits-Grundlagen“ genommen werden. Diese unterschiedlichen „Wahrheits-Grundlagen“ führen zu was Foucault „Diskurs“ nennt.

Die Frage, woher diese Episteme stammen, konnte Foucault nicht beantworten. Er meinte, die Episteme entstehen spontan und beliebig, ja unbewusst experimentell. Laut Foucault werden alte und neue Episteme immer wieder einfach ausprobiert. Rudolf Steiner hätte aber an dieser Stelle gesagt: Episteme sind karmisch bedingt. Er hätte die großartige Entdeckung von Michel Foucault, dass es unterschiedliche Episteme gibt und dass diese Episteme zu unterschiedlichen Diskursen führen, als einen wichtigen Schritt verstanden. Er hätte gesagt: Schau auf die innere Logik der unterschiedlichen Episteme und du wirst die karmischen Hintergründe verstehen.

Das oben erwähnte Problem liegt eben darin, dass das Christentum-als-Diskurs schon rein sprachlich in ganz bestimmte Episteme eingebettet ist. Christus heißt ja Christus, was ein griechischer Name ist. Christus heißt nicht Krishna oder Zarathustra. Wenn, wie Steiner behauptet, das christliche Ereignis, das Mysterium von Golgatha, für alle Menschen gilt und wenn man auch behauptet, dass eine bewusste Beziehung zu diesem Ereignis entscheidend ist – ohne Bewusstsein kein Ereignis! – stellt sich die Frage: Wie kann das Ereignis für andere Episteme geöffnet werden? Das heißt: Wie kann über die europäische Geschichte hinaus von einem Ereignis gesprochen werden, das wir nur über die europäische Geschichte kennen gelernt haben?

Ich werde in meinem Vortrag versuchen, deutlich zu machen, dass diese Fragestellung eine manichäische ist. Das Auftreten von Mani im dritten Jahrhundert ist gerade so zu verstehen: Er hat sich damals mit unterschiedlichen Epistemen auseinandergesetzt und in diesen Epistemen die Bilder, Vorstellungen, Normen,Werte und Intentionen gefunden, die es ermöglichen, vor Ort eine bewusste Beziehung zu der mystischen Tatsache zu finden. Dieses „vor Ort“ war zentral in seinem Bemühen.
(Mit dank an Birgitt Kähler)

3 Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Wo und wann wird denn der Vortrag / die Buchvorstellung stattfinden?

Michael

Anonym hat gesagt…

was mir spontan zu dem einfällt: was ist mit den menschen, die den namen Christus nicht kennen. Rudolf Steiner frägt sich das auch selbst in dem liebe und ihre bedeutung in der welt vortrag. und die antwort ist dass wenn man sich über den radikalen unterschied zwischen dem dass man macht und weisheit teilen kann und liebe nicht der der das begreift ist Christ ohne den namen Christus zu kennen.

Anonym hat gesagt…

ich muss nicht anonym bleiben aber ich weiss nicht wie dieses post a commenton schnell geht schreibt andrea schilperoord