05.02.2008

Heute erzählt mir Esteecee vertraulich... (2)

In Schweden war es kalt. Die tausend und abertausend Birken standen gelassen im Schnee. Und ich meinte, mehr als einfach auf Frühling warten, konnten die Birken nicht aufbringen. Ich meinte aber auch, dass dieses Warten gleichzeitig ein Strahlen war, ein Zurückspiegeln eines horizontalen und souveränen Lichtes, dass klar und kalt aus dem Norden kam. Und ich fragte mich: „Samuel, warum magst du den Norden nicht?“

Ich denke südwärts. Alles was Bedeutung hat, liegt im Süden: der Tempel mit den Störchen, der Innenhof von Aristoteles, die Arbeitszelle von Pico della Mirandola, das unbeholfene Städtchen von Beethoven, der Turm von Rainer Maria Rilke und die Kneipen in der Südstadt. Der Süden ist nicht nur warm & geschmackvoll & berauschend, sondern auch reich an Bildern & Texten & Taten. Aristoteles hat die Wahrheit in Athen gesprochen und nicht in Göteborg.

Weil in Göteborg gewartet wird. Auf was? Irgendwie scheint es mir so zu sein, dass die Leute in Schweden auch im Frühling und Sommer auf Frühling warten. Auch wenn es nach dem langen Winter endlich Frühling ist, ist der Frühling noch immer nicht richtig da. Nein, das liegt nicht daran, dass der Frühling in Schweden nicht vollständig wäre – ganz im Gegenteil, es gibt kaum Gegenden, wo es im Frühling so kräftig sprießt und sprosst als da oben. Es hat eher damit zu tun, dass Frühling in Schweden einfach mehr ist als Frühling.

Und das macht mir Angst.

Ich war nach Göteborg gereist, um mich mit der ganzen Welt zu beschäftigen. Zwei Männer, einer aus Israel und einer von den Philippinen, hatten etwa hunderdfünfzig Menschen zu einer Weltberatung zusammengerufen. Der erste war ein Philosoph, groß & mächtig & melancholisch & duftig wie eine Zeder aus dem Libanon. Er sprach von „geistigen Ereignissen“, die nur in der seelischen Versenkung erkennbar sind. Der zweite war ein Aktivist, klein & beweglich & immer erfolgreich, wie eine Schere aus Solingen. Er sprach von „sozialen Ereignissen“, die nur mit politischen Taten hervorzurufen sind. Die hundertfünfzig Menschen hörten zu, tranken Kaffee und Tee, schauten auf die tausend und abertausend Birken und versuchten, die Zukunft der Welt in den Griff zu kriegen.

Mir ging es nicht gut. Mir war die Welt zu groß. Mir war mein Herz zu groß. Mir schien es zu viel Blut und zu viel Schmerz zu geben. Mir schienen sich die hundertfünfzig Menschen wie hundertfünfzig Chaplins auf einer Leinwand hin und her zu bewegen. Aber natürlich hatten der Philosoph aus Israel und der Aktivist von den Philippinen recht: Die Welt brauchte dringend Hilfe. Geistige Versenkung und politische Handlung standen an – Einwände hatte ich also nicht. Ich schaffte es nur nicht, in die Haut von Chaplin hineinzuschlüpfen und mich auf der Leinwand wiederzufinden. Ich war in mir gefangen.

An einem Abend hielt der Philosoph aus Israel einen Vortrag. Ich saß ganz oben und ganz hinten im Saal und hörte zu. Ganz unten und ganz vorne stand der Philosoph wie eine Zeder auf der Bühne, die groß & breit & dunkel war. Niemand dachte an die Birken draußen; so weit es Bäume gab, war es nur noch dieser eine, der mächtig duftete. Das Dunkel um ihn herum schien mir aber alles andere als leer zu sein. Ich meinte, dass das Dunkel vollgepackt war mit unsichtbaren Wesen, die aus der ganzen Welt gekommen waren, um die Worte des Philosophen zu hören.

Und dann auf einmal geschah es. Mir fehlen immer noch die richtigen Worte, um genau sagen zu können, was passierte. Es geschah ungefähr Folgendes. Auf einmal sah ich mich hinter dem Philosophen auf der Bühne stehen. Ich saß also ganz oben und ganz hinten und sah mich ganz unten und ganz vorne. Ich meinte, ich wäre da unten wie ein Wächter-im-Dunkeln, ein Soldat, damit beauftragt, „etwas“, (nein, nicht den Philosophen – der brauchte das nicht) vor den Wesenheiten zu schützen. Und ich sagte mir: „Samuel, du hast eine Aufgabe in einem dir noch unbekannten Kampf“. Dann aber gab es ein kurzes Rauschen. Ein Pfeil wurde geschossen. Und dieser Pfeil traf mich, da vorne auf der Bühne, in meiner Brust. Ich sah, wie ich mit meiner Hand den Pfeil umfasste und überrascht um mich herum schaute. Woher kam der Pfeil? Ich schaffte es, stehen zu bleiben.

Seitdem gibt es diesen Pfeil in meiner Brust. Seitdem gibt es die Frage: Woher kam er? Und: wer hat ihn geschossen? Seitdem habe ich das Gefühl, eine Wunde zu haben. Egal was ich mache oder gerade nicht mache, mir fehlt eine Kraft. Und irgendwie meine ich, dass Sammy mir den Pfeil aus meiner Brust herausziehen kann. Ich stehe aber noch immer auf der Bühne in Göteborg, wie Sammy im Wohnzimmer seiner Eltern.

1 Kommentar:

Anonym hat gesagt…

Herz im Dornwald
werde Licht
durch die Klarheit deines Schmerzes