06.05.2012

Geld schenken. (1). Über Macht, Vermögen und einen neuen Weg


Geld ist ein explosives Thema. Obwohl es einen wesentlichen Bestandteil der Gesellschaft ausmacht – ohne Geld läuft ja kaum etwas – sind unsere Vorstellungen darüber nicht nur beschränkt, sondern eben manchmal grundfalsch. Man braucht sich eigentlich nur ein paar Minuten mit dem Thema zu beschäftigen, um einzusehen, wie kollektiv hilflos wir in diesem Bereich sind. Als ich vor kurzem einen Text von Andrea Valdinoci las, den Entwurf zur Einreichung einer Master-Arbeit für die Universität in Plymouth, habe ich mal wieder feststellen müssen, wie sehr mir diesbezüglich die begriffliche Schärfe fehlt.

Wer ist Andrea Valdinoci? Ich habe ihn vor ein paar Jahren in der GLS Treuhand e.V. kennengelernt. Er war damals als Mitarbeiter der Zukunftsstiftung Soziales Leben vor allem mit „Schenken“ beschäftigt, operierte sozusagen als Vermittler zwischen Menschen, die schenken und denen, die sich beschenken lassen. Und auch hier gilt: Man braucht sich nur ein paar Minuten mit der Geste des Gebens und Nehmens der Beteiligten zu befassen, um zu verstehen, wie delikat die Rolle des Vermittlers an dieser Stelle ist. Mir sind die Empfindlichkeiten durchaus bekannt, weil ich damals zu den Beschenkten gehörte.

Mittlerweile hat Andrea die Seite gewechselt. Er ist jetzt geschäftsführender Gesellschafter einer Holding mit dem Namen „Neuguss“, einem Verbund von fünf Unternehmungen in Deutschland und Holland, die einen Teil ihres wirtschaftlichen Gewinns an kulturelle Initiativen weiterleiten, an Einrichtungen und Organisationen also, die ihrer Natur nach nicht im Stande sind, die nötigen finanziellen Mittel selber zu generieren. Die Holding lässt sich von Gesichtspunkten inspirieren, die Rudolf Steiner vor fast hundert Jahren im Rahmen seiner „Sozialen Dreigliederung“ geäußert hat. Andrea Valdinoci ist somit sowohl zum Unternehmer als auch zum „Geldgeber“ geworden.

In seiner Master-Arbeit versucht er sich gedanklich an das Wesen des Schenkens heran zu tasten. In seinem Text vertieft er sich erst in die vorhandene wissenschaftliche Literatur, und macht deutlich, dass das Schenken im heutigen Denken über Wirtschaft und Geld keinen hohen Stellenwert hat. Die Frage zum Beispiel, inwieweit das Schenken ein „selbstloser“ Akt ist oder sein kann, wird in der Literatur ziemlich krude beantwortet, der Philosoph Pierre Bourdieu etwa bezeichnet diese Gabe als ein „Herrschaftsinstrument, um andere zu dominieren“. Der Geist des Kapitalismus – die Wirtschaft als Verteilung von knappen Ressourcen, gesteuert durch individuelle Gier (Adam Smith) – lässt wenig Spielraum für den „Gutmenschen“.

Andrea Valdinoci grenzt die Schenkung vom „Herrschaftsinstrument“ und vom „verschleierten Kauf“ ab, er schreibt: „Meine These lautet, dass es sich nur dann um eine Schenkung handelt, wenn der Schenker nicht auf eine Gegenleistung in jeglicher Form abzielt“. Er zitiert den Anthroposophen und Mitgründer der Triodosbank Lex Bos, der in einer Publikation aus dem Jahr 1998 von der Notwendigkeit sprach, „eine neue Schenkungs- und Dankkultur zu entwickeln“. In einem Kernsatz seiner Arbeit schreibt Andrea Valdinoci: „Das Schenken ist eine Möglichkeit, sich auf einen neuen Weg zu begeben, persönlich Verantwortung zu übernehmen, und die Welt freilassend mitzugestalten“.

Das Schenken hat klare Vorteile, auch wirtschaftliche – in den nächsten Wochen komme ich darauf noch zurück. Nach der Bewertung der wissenschaftlichen Literatur berichtet Andrea Valdinoci in seiner Arbeit von acht Personen, die er als Vermögensberater über mehrere Jahre begleitet hat. Die Vermögen der Beteiligten, so schreibt Valdinoci, liegen zwischen einer halben Million und 75 Million Euro. In den Interviews befragt er die Vermögenden über ihre Erfahrungen mit dem Schenken. Wie erfahren sie es, „vermögend“ zu sein? Wie sind sie zum Schenken gekommen? Warum machen sie es überhaupt? Was hat das Schenken mit ihnen gemacht? Mit welchen Problemen werden sie dabei konfrontiert?

Aus der Bewertung der Antworten geht unter anderem hervor, dass das Besitzen von Geld „eine Machtdynamik“ entwickeln kann, die die Beziehung zu anderen Menschen stark prägt. Die Wirkung des Geldes wird als Teil der eigenen Persönlichkeit erlebt, in meinen Worten: Mein Vermögen (oder gerade „Unvermögen“) lässt sich in der Lebenspraxis nur schwer von meiner Persönlichkeit trennen. Die Wirkung meines Geldes vermischt sich mit der Wirkung meiner Person auf andere Menschen, auch wenn ich davon keine Ahnung habe, oder es nicht für wahr haben will.

Grundfalsch ist die Annahme, dass Geld eine rein objektive und quantitative Hoheit ausmacht, die sich mit „Zahlen und Figuren“ (Novalis) begreifen und ergreifen lässt. Im Geld wirkt ein mächtiges Wesen, das uns täglich überfordert, uns somit auf einer unbewussten Ebene fremd ansteuert. Mit der bewussten Akzeptanz dieser Tatsache, so vermittelt uns Andrea Valdinoci, öffnet sich tatsächlich ein neuer Lebensweg, der anfänglich recht abenteuerlich aussieht. In den nächsten Wochen werde ich über einige Stationen dieses Weges berichten.

Kommentare:

Nula hat gesagt…

Lieber Jelle,

spannende Fragen.
Was macht Geld mit uns, was das Verschenken, was das Beschenkt werden. Jede Religion hat ja Formen der Mildtätigkeit entwickelt und doch, es scheint noch mehr dahinter zu stecken...und das zeigt sich nicht so leicht.

Als ich für einen eigenen Post über mein Verhältnis zu Geld, Reichtum,.. nachdachte, bin ich auf das jüdische Gebot des Zedaka gestoßen, dass auf sieben Stufen aufbaut:
8. Mit Unfreundlichkeit geben
7. Zwar nicht ausreichend, aber mit Freundlichkeit geben.
6. Geben, nach dem man gebeten wurde.
5. Geben, bevor man gebeten wird.
4. Der Gebende kennt nicht die Identität des Bedürftigen, aber dieser kennt den Spender.
3. Der Spender weiß, wem er gibt, aber der Bedürftige erfährt nicht von der Identität des Spenders.
2. Wohltätig sein in einer Weise, dass der Spender und der Bedürftige nicht voneinander wissen.
1. Höchste Stufe: Dem Bedürftigen durch die Spende die Möglichkeit zur Selbsthilfe zu geben.

Schenken und beschenkt werden ist nicht so einfach, weil daraus oft Abhängigkeit (auf beiden Seiten) statt Freiheit erwächst.

Kann Geld helfen oder verhindert Geld die Möglichkeiten des Menschen zur Freiheit zu gelangen?

Ich freue mich schon auf weitere Posts zu diesem Thema und fühle mich immer beschenkt, wenn ich hier lese.

Herzliche Grüße
Nula

Anonym hat gesagt…

Lieber Jelle, liebe Nula,

ich gehöre in der Regel zu den Beschenkten und habe als Beschenkter und als Vorstufe eines Beschenkten, als Antragsteller, Erfahrungen gemacht. Im Idealfall gibt es eine gleichberechtigte Beziehung zwischen Schenker und Beschenkte. Das Gebot des Zedaka geht in eine andere Richtung und betrifft in erster Linie die Beziehung zwischen Besitzenden und Bedürftigen. Man kann das Gebot, wenn es um die Realisierung kultureller Impulse geht, so abändern, dass sowohl Geber als Empfänger als bedürftig betrachtet werden.

Die besten Erfahrungen habe ich gemacht mit Spendern die direkt und ohne Vorgaben spenden können. Sie gehen ein Risiko ein, sie stellen Geld zur Verfügung, ohne die Garantie, dass ein kultureller Gegenwert entsteht. Als Beschenkter lebe ich mit dem gleichen Risiko, denn ich habe zwar eine Ahnung, dass etwas Interessantes entstehen kann, bin aber nicht sicher ob es tatsächlich verhebt und zu einem Ergebnis führt.

Die freilassenden Spender, sind die Ausnahmen. In der Regel lassen Spender sich vermitteln und da ist man, bevor man Empfänger sein kann, zunächst mal Antragsteller. Als Antragsteller hat man es schwierig, wenn man etwas Erschaffen möchte, was keinen wirtschaftlichen Nutzen mit sich bringt, zum Beispiel wenn man keinen Beitrag zur Weiterentwicklung der Landwirtschaft, der Heilkunde, der Pädagogik usw. liefert. Eine weitere Schwierigkeit ergibt sich, wenn die Vermittler nur juristische Personen (gemeinnütziger Verein) als beitragsberechtigt ansehen. Wer ist vertrauenswürdiger, ein natürliche Person oder eine juristische Person? Dazu kommt, dass in der Regel die Hände der Vermittler gebunden sind. Sie haben nicht die Freiheit etwas zu unterstützen, was nicht im Reglement vorgesehen ist. So kann nicht gefördert werden, was nicht vorgesehen ist. Freiräume für Unerwartetes fehlen.

mit freundlichen Grüssen, Peer Schilperoord.

Ruthild Soltau hat gesagt…

Für unsere Familie und die Kinder des Kinderhauses hat das Geldschenken eine sehr große Bedeutung. Wir bekamen oft Geld geschenkt und mein Mann und ich verschenken auch oft Geld. Wenn wir uns vergegenwärtigen, dass alles menschliche Leben ein Geschenk höherer Geistiger Wesen und elementarer Geister ist, kann das Schenken eine neue Dimension bekommen. Ich bin dankbar, wenn ich Geld geschenkt bekomme und ich schenke aus Dankbarkeit. In beiden Fällen kann ich mich innerlich frei fühlen. die Engelwelt will Brüderlichkeit der Menschen untereinander anregen und wir können uns in einen neuen Strom hineinbegeben, einen sehr starken, elementaren, mächtigen Strom, der das Geld aus der Macht des Kalküls befreit.
Ich möchte von einen Ereignis erzählen, einem Geldgeschenk an das Kinderhaus Kahlgrachtmühle:
Das Kinderhaus ist in einer über 6oo Jahre alten Wassermühle untergebracht. Das Zentrum des Lebens hier ist die Küche. Mitten in dieser Küche steht ein sehr großer massiver Tisch mit einer dicken Ahornplatte, an dem 18 Menschen, Kinder und Erwachsene, Platz finden. Wir verdanken ihn einer Geldspende, die wir kurz nach der Gründung des Kinderhauses von einem Paar geschenkt bekamen. Das Paar ließ sich in der Christengemeinschaft trauen. Statt Geschenke zu empfangen, baten sie Verwandte und Freunde darum, dem Kinderhaus Geld zu schenken. Mit diesem Geld konnten wir den Tisch in einer besonderen Schreinerei in Aachen in Auftrag geben.
Ruthild