13.05.2012

Geld schenken (2). Die Verwandlung der Gesellschaft

Ich weiß was es bedeutet, Geld geschenkt zu kriegen. Ich gehöre zu den Menschen, die manchmal kleinere zusätzliche Beträge brauchen, um über die Runden zu kommen. Mein jüngster Sohn Joachim hat darüber eine klare Meinung, er findet, dass ich nicht wirtschaftlich denken könne oder eben gar nicht wolle. Ich selber sehe das auch so, würde auf Anfrage allerdings hinzufügen, dass ich mich immer wieder in Tätigkeiten und Projekte verliebe, die gerade wenig Geld bringen. Ich bin immer wieder dort gelandet, wo die Ressourcen in dieser Hinsicht eher knapp sind.

Jedoch habe ich trotzdem immer wieder kleinere Beträge an Organisationen oder Personen verschenken können, die sich in einem Engpass befanden oder befinden. Mein finanzielles Selbstverständnis könnte man „kleinkariert“ nennen: Ich halte meine Finanzen für gesund, solange ich die mehr oder weniger sichere Einschätzung habe, dass meine Einnahmen und Ausgaben etwa für die nächsten drei Monate ungefähr ausbalanciert sind. Sobald ich etwas übrig habe, folge ich der Neigung Extra-Sachen zu kaufen oder eben jemanden zu unterstützen. Sparen ist mir noch nie gelungen, ein Vermögen werde ich deswegen wohl auch nicht aufbauen.

Im Entwurf seiner Master-Arbeit für die Universität in Plymouth (siehe meinen letzten Blogtext) berichtet Andrea Valdinoci von acht Personen, die ein deftiges Vermögen haben (zwischen einer halben Million und 75 Million Euro) und bereits über Jahre einen Teil davon an Organisationen und Personen verschenken. Die Lebenswirklichkeit dieser Vermögenden ist mir fremd, ich brauche richtig viel Phantasie, um mir ausmalen zu können, was es heißt, ein paar Million Euro auf meinem Konto zu haben. Und ja, ich räume ein, dass meine konservativ-rote Arbeiterseele (mein Vater war Gewerkschafter) in einer dunklen Ecke mit der Frage ringt: Kann es richtig sein, dass einer Person so viel Geld zur Verfügung steht? Wie ist das im Lichte der Gerechtigkeit eigentlich zu verstehen?

Gerechtigkeit... In den Beschreibungen von Andrea Valdinoci wird deutlich, dass die Tatsache viel Geld zu haben, nicht unbedingt nur eine Freude bedeutet. In seinem Text wird von einer „moralischen Belastung“ gesprochen, zum Beispiel im Zusammenhang mit der Tatsache, dass das Vermögen auf Kriegsgewinne zurückgeht, oder auf Unternehmensverkäufe, auf die die Entlassung von sämtlichen Mitarbeitern folgte. Valdinoci schreibt: „Zum Teil wiegt die Belastung so schwer, dass den Interviewpartnern klar wurde, diese Mittel möchte ich nicht an meine Kinder weitergeben, sondern sie müssen verwandelt werden“.

Schenken bedeutet an dieser Stelle: Auf Grund des Wunsches Gerechtigkeit zu schaffen einen Ausgleich zu ermöglichen... Nun gibt es natürlich auch Vermögen, die ethisch gesprochen einwandfrei sind, sie werden wohl am häufigsten vorkommen. Auch mit sauberen Vermögen geht jedoch eine „moralische“ Frage einher, die sich nicht auf die Herkunft des Geldes, sondern auf das Ziel des Schenkens bezieht. Andrea Valdinoci spricht diesbezüglich von einer „Glaubwürdigkeitsfrage“ oder auch „Prüfungsfrage“: Will ich (mit dem Schenken) wirklich Strukturen verändern, oder will ich Strukturen bestätigen, um meine Macht zu erhalten, beziehungsweise auszuweiten?

Die acht Personen, die die Begleitung von Andrea Valdinoci gesucht haben, stellen sich offenbar diese Frage. Ich nehme jedoch an, dass längst nicht alle vermögenden Menschen sich auf diese Frage einlassen, stärker noch, mein Vorurteil besagt diesbezüglich, dass nur die wenigsten dies tun. Oder liege ich an dieser Stelle falsch, und es ist ein Schicksalsgesetz, dass die Frage früher oder später zwangsläufig auftaucht? Aus Valdinocis Beschreibungen geht hervor, dass der Schritt zum freilassenden Schenken aus biographischen Erfahrungen erfolgt.

Und nicht nur das, zusätzlich leitet der Schritt offensichtlich eine Art Wende in der Biographie ein. Einer der Beteiligten sagt: „Das Geld haben wurde sehr viel leichter, seit ich schenken kann, seit ich da persönlich auch gegeben habe. Das fing schon an mit dieser großen Spende für die Schule, aber schön wurde es aber eigentlich im Persönlichen. Ja, ich freue mich seither, dass ich das Vermögen habe“. Und eine andere Aussage: „Ja, das schwierige ist nicht selber auf das Geld zu verzichten, sondern die Frage, wem gebe ich es, wie gebe ich es, was macht es mir, was macht es mit dem anderen, ist es überhaupt richtig, was will ich denn eigentlich?“

Was will ich denn eigentlich? Ich verstehe die Zitate so, dass bei den Beteiligten das individuelle Wollen aus irgendeinem Grund mit dem „mächtigen Wesen des Geldes“ (siehe meinen letzten Blogtext) in Berührung gekommen ist. Eine Stärkung des Wollens – getragen von anfänglichen Erkenntnissen – findet statt. Die Persönlichkeit des Menschen fängt damit an, sich nicht vom Geld fremd bestimmen zu lassen, sondern umgekehrt die Welt mit Hilfe des Geldes frei zu gestalten.

Ich habe zwar kein Vermögen, sehe jedoch ein, dass nicht die Menge (oder Unmenge) des Geldes entscheidend ist. Ob man zehn Euro oder zehn Million Euro zu vergeben hat, die Fragen sind grundsätzlich die gleichen. Und ist es nicht so, dass gerade die geringeren Beträge, die wir jeden Tag wieder gedankenlos ausgeben, die Ungerechtigkeit in der Gesellschaft bestätigen? Die Verwandlung der Gesellschaft läuft wohl übers Geld. Nächste Woche weiter..

Kommentare:

Sophie Pannitschka hat gesagt…

Lieber Jelle,
ich habe begonnen einen Kommentar zu deinem Text zu schreiben und es ist ein ganzer Blogtext geworden. Er ist zu finden unter: www.sophiepannitschka.blogspot.com Ich freue mich auf ein Gespräch darüber! Herzlich, Sophie

Jelle van der Meulen hat gesagt…

Liebe Sophie, danke sehr für deine Reaktion! Ich hätte natürlich besser schreiben können: „Die Verwandlung der Gesellschaft läuft wohl AUCH übers Geld“. Es geht nicht NUR um das Geld, da hast Du völlig recht. Allerdings habe ich manchmal den Eindruck, dass das Thema Geld leichtsinnig ausgeklammert wird, vor allem in spirituellen Kreisen. Was mir an der Arbeit des Andrea Valdinoci so gefällt, ist, dass er das Thema Geld zum Beispiel mit der Beziehungsfrage verbindet, genau wie Du das in deinem Text auch machst. Vielleicht ist es wohl so, dass wir – auch in der öffentlichen Debatte – in Bezug auf das Geld viel persönlicher werden müssen. Sind es nicht die fürchterliche Abstraktionen, die den Sicht auf das Thema verschleiern? Herzlich, Jelle van der Meulen

mundanomaniac hat gesagt…

Jelle
Du berührst mich
kann ich Dich auch ...?

http://www.lyricsreg.com/lyrics/mark+knopfler/Get+Lucky/

Geld und Glück

MM

Anonym hat gesagt…

Lieber MM, so ganz verstehe ich deine Worte nicht... Und aus irgendeinem Grund kriegte ich leider "mark knopfler" usw nicht geöffnet... Herzlich, Jelle

Anonym hat gesagt…

MARK KNOPFLER:

Get Lucky

I'm better with my muscles
Than I am with my mouth
I work the fairgrounds in the summer
Or go pick fruit down south

And when I feel them chilly winds
Where the weather goes I'll follow
Pack up my traveling things
Go with the swallows

And I might get lucky now and then
You win some, you might get lucky now and then
You win some

I wake up every morning
Keep an eye on what I spent
Gotta think about eating
Gotta think about paying the rent

I always think it's funny
Gets me everytime
I wonder about the happiness and money
Tell it to the breadline

But you might get lucky now and then
You win some, you might get lucky now and then
You win some

Now I'm rambling through this meadow
Happy as a man can be
Think I'll just lay me down
Under this old tree

On and on we go
Through this old world a shuffling
If you've got a truffle dog
You can go truffling

And you might get lucky now and then
You win some, you might get lucky now and then
You win some

Anonym hat gesagt…

Lieber Jelle,
vor zwei Jahren auf der Tagung der Christengemeinschaft "Future Now"war dies am Rande zur Gesprächsgruppe über das bedingungslose Grundeinkommern auch ein durchgehendes Gesprächsthema.
Dabei sagte jemand in einem Gespräch mit mir, dass das Annehmen eine viel größere soziale Leistung sei als das Geben...
Für mich zumindest trifft das zu- ich freue mich wenn ich etwas geben kann,beim annehmen habe ich immer ein gedrücktes Gefühl und ich glaube es geht vielen so.
Mittlerweile und hoffentlich nicht dauerhaft, kann ich selber nichts mehr "leisten"bin also völlig auf Hilfe von außen angewiesen...
(nur was tun wenn diese nicht reicht,nicht kommt oder verzögert wird???,wenn man gar nicht mehr weiß wovon noch irgendetwas witergehen soll?-denn so ist es aktuell)
Ich beobachte immer wieder das es ganz schnell geht das Menschen in Vergessenheit geraten wenn man nichts mehr von ihnen hört und ich denke das die Aufmerksamkeit bei uns allen hier noch viel Bedarf hat,genauso wie die Freiheit zum geben und nehmen.
herzliche Grüße aus Aachen
Katrin

Jelle van der Meulen hat gesagt…

Lieber MM, jetzt habe ich dann den Text von Mark Knopfler lesen können. Schön... Und danke! Die Sicherheit des Lebens liegt darin, dass wir "sind" - I wonder about the happiness and money... Herzlich...

Liebe Katrin, deine Worte haben mich erreicht... Was tun, wenn es nicht mehr weiter geht? Eine Antwort ist an dieser Stelle nicht so einfach zu geben... Herzlich,

mundanomaniac hat gesagt…

Lieber Jelle,

schön, dass der Text angekommen ist.
Hier dazu die Musi:
http://www.youtube.com/watch?v=yZyaMWxuOog

Herzlich MM

Stefan Wehmeier hat gesagt…

"Drei Verwandlungen nenne ich euch des Geistes: wie der Geist zum Kamele wird, und zum Löwen das Kamel und zum Kinde zuletzt der Löwe."

Die Entwicklung des Menschen zum "Übermenschen", die Friedrich Nietzsche in seinem Epos "Also sprach Zarathustra" beschreibt, ist eine kongeniale Vorwegnahme der allgemeinen Auferstehung des Kulturmenschen durch die erst heute mögliche Verwirklichung der Natürlichen Wirtschaftsordnung. Zu erkennen ist das erst, wenn man selbst den Erkenntnisprozess der Auferstehung aus der religiösen Verblendung bereits hinter sich hat! Umso erstaunlicher ist die Leistung Nietzsches, der noch weit davon entfernt war, die Religion (Rückbindung auf den künstlichen Archetyp Jahwe) zu verstehen, und der auch keine Vorstellung von Makroökonomie hatte.

Die Arbeitsteilung erhob den Menschen über den Tierzustand und die Qualität der makroökonomischen Grundordnung bestimmt den Grad der Zivilisiertheit, die der Kulturmensch erreichen kann. Ist die Makroökonomie noch fehlerhaft, bedarf es der Religion (künstliche Programmierung des kollektiv Unbewussten), um diese Fehler durch selektive geistige Blindheit aus dem Begriffsvermögen des arbeitenden Volkes auszublenden. Die Religion birgt wiederum die Gefahr, sich zu verselbständigen (Cargo-Kult), wenn es niemanden mehr gibt, der ihre wahre Bedeutung noch kennt. Die Fehler der Makroökonomie können dann solange nicht behoben werden, wie der Cargo-Kult andauert, selbst wenn das Wissen bereits zur Verfügung steht, um die ideale Makroökonomie und damit allgemeinen Wohlstand und den Weltfrieden zu verwirklichen.

Das "Kamel": zentralistische Planwirtschaft ohne liquides Geld (Ursozialismus)

Der "Löwe": Zinsgeld-Ökonomie (kapitalistische Marktwirtschaft)

Das "Kind": http://www.juengstes-gericht.net

malyvacsiga hat gesagt…

Geht es weiter? Ich kann's nicht finden.

(Vor einer Woche fand uch Ihren Blog, las seither knapp ein dutzend Artikel, habe einen Artikel über Nähe einem Freund übersetzt (ins Ungarische), und freue mich darüber, daß ich noch so vieles hier zu lesen habe, daß ich bestimmt noch mehr Inspirationen hier finden werde.)

Szilvi Huffman

Anonym hat gesagt…

Lieber Herr van der Meulen,

Mein Name ist Carolin Ott und ich studiere am Hamburger Priesterseminar der Christengemeinschaft. Ich möchte gerne an der Biographie von Bernard Lievegoed arbeiten. Ihrem Vorwort von `Over de redding van de ziel` von Bernard Lievegoed entnehme ich, dass Sie ihn sehr dicht begleitet haben. Könnnen Sie mir freundlicherweise einen Hinweis geben wie ich mehr über seine Biographie erfahren kann? Meine Mailadresse: CarolinOtt@posteo.de Herzlichen Dank im voraus, Carolin Ott